Ein evidenzbasierter Überblick über den Zusammenhang zwischen dem hormonellen Wandel und der Stabilität des Bindegewebes
Hernien gelten gemeinhin als „Männerproblem“. Wer an eine Leistenhernie denkt, hat oft einen älteren Herrn vor Augen, der beim Heben zu viel Druck aufgebaut hat. Doch dieses Bild ist überholt – und irreführend. Frauen entwickeln Hernien aus anderen, aber ebenso realen Gründen. Und eine besonders vulnerable Phase im Leben vieler Frauen ist die Perimenopause: jene Übergangszeit vor dem letzten Menstruationszyklus, die typischerweise um die 40 beginnt und sich über mehrere Jahre erstrecken kann.¹
Dieser Artikel beleuchtet, warum sinkende Östrogenspiegel das Bindegewebe schwächen, welche Hernientypen Frauen betreffen, und warum eine frühzeitige Diagnose so wichtig ist.
Was ist eine Hernie – und warum ist das Bindegewebe entscheidend?
Eine Hernie entsteht, wenn Gewebe oder ein Organ – meist ein Teil des Darms – durch eine Schwachstelle in der Bauchwand nach außen drückt. Das erkennbare Zeichen ist häufig eine Beule oder ein Wölbung in der Leiste, am Bauchnabel, im Beckenboden oder an einer Operationsnarbe. Begleitsymptome sind Schmerzen oder ein Druckgefühl im Unterbauch, ein Brennen oder Ziehen an der Vorwölbung sowie gelegentlich Sodbrennen. Die Beschwerden verstärken sich oft beim Stehen, Husten, Niesen oder beim Heben schwerer Gegenstände.²
Entscheidend für das Verständnis von Hernien ist ein einfaches mechanisches Prinzip: Die Bauchwand ist kein starres Gehäuse, sondern ein dynamisches Netz aus Muskeln, Faszien und Bindegewebe – und dieses Netz braucht Qualität, um dem permanenten Innendruck standzuhalten. Studien zeigen, dass Hernien in der überwältigenden Mehrheit der Fälle keine plötzliche Folge eines einmaligen schweren Ereignisses sind. Eine Untersuchung an 133 Patientinnen und Patienten mit insgesamt 135 Bauchbrüchen ergab, dass 89 % der Betroffenen einen schleichenden Beginn der Symptome erlebten – und für keinen einzigen Fall ließ sich eine einzelne körperliche Belastung als alleinige Ursache belegen.³ Hernien sind das Ergebnis eines langen Prozesses – und dieser Prozess wird durch hormonelle Veränderungen in der Perimenopause erheblich beschleunigt.
Östrogen: weit mehr als ein Fortpflanzungshormon
Östrogen ist das Schlüsselhormon, das weit über seine reproduktive Funktion hinauswirkt. Es steuert unter anderem den Stoffwechsel des Bindegewebes – und zwar über spezielle Rezeptoren auf den sogenannten Fibroblasten, den Zellen, die Kollagen produzieren.⁴
Kollagen ist das meistvorkommende Protein im menschlichen Körper. Es bildet das strukturelle Gerüst von Haut, Knochen, Sehnen, Bändern und der Bauchwand. Typ-I-Kollagen, der häufigste Untertyp, macht etwa 90 % des körpereigenen Kollagens aus und gibt Geweben ihre Zugfestigkeit.⁵
Wenn der Östrogenspiegel in der Perimenopause zu schwanken und dann stetig zu sinken beginnt, passiert Folgendes:
- Die Fibroblasten produzieren weniger neues Kollagen.
- Die verbleibenden Kollagenfasern werden dünner und verlieren an Elastizität.
- Die Kollagenstruktur verändert sich: Es kommt zu veränderter Quervernetzung, die das Gewebe zwar steifer, aber nicht stärker macht.⁶
- Der Abbau von bestehendem Kollagen beschleunigt sich, während die Neubildung zurückbleibt.
Forschungen zufolge können Frauen innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Menopause bis zu 30 % ihres Kollagenbestands verlieren.⁷ Das ist kein rein kosmetisches Problem – es ist ein strukturelles, das die Integrität sämtlicher kollagenreicher Gewebe betrifft, einschließlich der Bauchwand.
Eine Studie zur Wirkung von Östrogen auf das Bindegewebe im Bereich der Harnröhre zeigte, dass der Östrogenabfall in der Menopause zu erheblichen Veränderungen in Kollagenkonzentration und -organisation führt – und dass eine Östrogenersatztherapie diese Veränderungen weitgehend rückgängig machen konnte.⁶
Frauen über 40: ein unterschätztes Risikoprofil
Hernien bei Frauen über 40 werden häufig spät erkannt – sowohl von den Betroffenen selbst als auch von medizinischem Fachpersonal. Ein Grund dafür ist, dass Hernien bei Frauen oft tiefer im Körper liegen und die Symptome diffuser sind als beim klassischen Leistenbruch beim Mann.²
Für Frauen über 40, die sich mitten in der perimenopausalen Transition befinden, kommen mehrere Risikofaktoren zusammen:
Hormoneller Kollagenverlust: Wie beschrieben beschleunigt der sinkende Östrogenspiegel den Abbau von Stützgewebe in der gesamten Körperstruktur.⁷
Veränderungen der Körperzusammensetzung: Der Übergang in die Menopause ist häufig mit einer Zunahme des viszeralen Fettgewebes verbunden.⁸ Das erhöht den intraabdominellen Druck – und damit die mechanische Belastung auf potenziell geschwächte Stellen der Bauchwand.
Vorgeschichte von Schwangerschaften und Geburten: Mehrere Geburten, insbesondere Kaiserschnitte und Dammschnitte, hinterlassen Narbengewebe, das anfälliger für spätere Narben- oder Inzisionalhernien ist. Studien zeigen, dass Narbenhernie bei Frauen eine wichtige Diagnose ist, die häufig in direktem Zusammenhang mit gynäkologischen Eingriffen steht.⁹
Chronische Verstopfung: Ein häufig vernachlässigter, aber relevanter Faktor. Anhaltender Pressruckstuhl beim Stuhlgang erhöht den intraabdominellen Druck und kann vorhandene Schwachstellen in der Bauchwand weiter belasten.²
Beckenbodenschwäche: Der Beckenboden ist ein eng mit dem intraabdominellen Drucksystem verbundenes Muskel-Bindegewebsnetz. Mit nachlassendem Östrogeneinfluss verliert er an Tonus und Funktion, was wiederum Hernien im Beckenbodenbereich begünstigt.¹⁰
Welche Hernientypen treten bei Frauen auf?
Frauen entwickeln durchaus Leistenhernien – allerdings achtmal seltener als Männer, was anatomisch bedingt ist.¹⁰ Dafür sind sie bei anderen Typen überproportional häufig vertreten:
Femoralhernien entstehen knapp unterhalb des Leistenbandes und sind bei Frauen deutlich häufiger als bei Männern – bedingt durch den breiteren Beckenbau und den größeren Femoralkanalring. Dieser Hernientyp hat eine besonders hohe Einklemmungsrate, weshalb er trotz seiner Seltenheit ernst genommen werden muss.¹⁰
Narben- oder Inzisionalhernien entstehen an Operationsnarben. Bis zu 20 % der Menschen, die eine offene Bauchoperation hatten, entwickeln eine solche Hernie – mitunter erst Monate oder Jahre nach dem Eingriff. Sie zeigt sich als schmerzhafte Vorwölbung nahe der Narbe und kann durch unzureichende Wundheilung, Übergewicht oder hohen intraabdominellen Druck begünstigt werden.¹¹ Frauen, die gynäkologische Eingriffe, Kaiserschnitte oder andere Bauchoperationen im perimenopausalen Alter hatten, tragen ein erhöhtes Risiko – gerade weil das Gewebe in dieser Lebensphase schlechter regeneriert.
Nabelhernien treten bei Frauen häufiger auf als beim Mann, besonders nach mehreren Schwangerschaften.
Hernien entwickeln sich schleichend – daher ist Wachsamkeit wichtig
Was viele Frauen nicht wissen: Hernien machen sich oft erst dann bemerkbar, wenn sie bereits eine nennenswerte Größe erreicht haben. Kleine Hernien sind manchmal völlig symptomlos. Mit zunehmendem Alter und weiter sinkendem Östrogenspiegel kann sich eine bestehende Schwachstelle in der Bauchdecke, die jahrelang unbemerkt blieb, plötzlich in eine spürbare Hernie verwandeln.
Unbehandelt können Hernien größer werden und im schlimmsten Fall zu einer Einklemmung führen – einem medizinischen Notfall, bei dem die Blutversorgung des eingeklemmten Gewebes unterbrochen wird.²
Was tun? Prävention, Diagnose und Behandlung
Frühzeitiges Erkennen: Jede neu aufgetretene Beule, Wölbung oder unklare Schmerzen im Bauch- oder Leistenbereich sollte ärztlich abgeklärt werden – besonders wenn Beschwerden im Liegen verschwinden und im Stehen oder beim Pressen wieder auftreten.
Körpergewicht managen: Übergewicht erhöht den intraabdominellen Druck und stellt einen der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren dar.¹¹
Bindegewebe unterstützen: Eine proteinreiche Ernährung, ausreichend Vitamin C (essenziell für die Kollagensynthese), Zink und Kupfer können die körpereigene Kollagenproduktion unterstützen.
Beckenbodentraining: Gezieltes Training des Beckenbodens kann die Druckverteilung im Bauchraum verbessern und das Risiko für Beckenbodenhernien senken.
Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt: Für Frauen in der Perimenopause, die über eine Hormonersatztherapie nachdenken, ist es sinnvoll, auch die Auswirkungen auf das Bindegewebe in die Entscheidung einzubeziehen. Studien deuten darauf hin, dass Östrogentherapie nach der Menopause Kollagengehalt, Gewebedicke und Elastizität verbessern kann.⁴
Chirurgische Versorgung: Ist eine Hernie diagnostiziert, ist die operative Reparatur in der Regel die einzige kausale Behandlung. Moderne Verfahren – offen oder laparoskopisch – sind gut etabliert.¹¹
Fazit: Der Hormonwandel hinterlässt Spuren im Bindegewebe
Die Perimenopause ist weit mehr als eine reproduktive Zäsur. Sie ist eine systemische hormonelle Umstellung, die das gesamte Stützgewebe des Körpers betrifft. Der Östrogenabfall schwächt Kollagenstruktur, Bauchwand und Beckenboden – und schafft damit einen biologischen Nährboden, auf dem Hernien entstehen oder sich verschlechtern können.
Frauen, die diesen Zusammenhang kennen, können frühzeitig handeln: durch gesunden Lebensstil, regelmäßige Vorsorge und das Gespräch mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt. Hernien bei Frauen sind kein Randphänomen – sie sind eine unterschätzte Konsequenz eines körperlichen Wandels, der jeden betrifft.
In jedem Fall ist ein gutes Training der Bauchmuskulatur, mit dem erlernen der richtigen Atmung sehr wichtig. Brauchst du Hilfe vor oder nach einer Operation, kannst du dich gerne bei mir melden.

Quellen
- Myalloy/Forhers: Estrogen and Collagen during Perimenopause and Menopause. Abgerufen unter: https://www.forhers.com/blog/estrogen-and-collagen
- Bangkok Hospital Headquarter: Women Over 40!! Why are they at Risk of Hernia? Abgerufen unter: https://www.bangkokhospital.com/en/bangkok/content/women-over-40-why-are-they-at-risk-of-hernia
- Pathak S, Poston GJ: It is Highly Unlikely that the Development of an Abdominal Wall Hernia can be Attributable to a Single Strenuous Event. Ann R Coll Surg Engl. 2006 Mar;88(2):168–171. PMC1964073. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1964073/
- Calleja-Agius J et al.: The effect of menopause on the skin and other connective tissues. Gynecol Endocrinol. 2012 Apr;28(4):273–7. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21970508/
- NBI Health: How Menopause Destroys Collagen. Abgerufen unter: https://www.nbihealth.com/how-menopause-destroys-collagen/
- Falconer C et al.: Changes in paraurethral connective tissue at menopause are counteracted by estrogen. PubMed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8844634/
- Wyness L: Menopause and collagen: should it be part of your daily routine? Abgerufen unter: https://www.laurawyness.com/menopause-and-collagen-should-it-be-part-of-your-daily-routine
- Shen W et al.: Amelioration of estrogen deficiency-induced obesity by collagen hydrolysate. PMC5118756. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5118756/
- Agbakwuru EA et al.: Incisional Hernia in Women: Predisposing Factors and Management Where Mesh is not Readily Available. Libyan J Med. 2009;4(2):66–69. PMC3066721. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3066721/
- Liv Hospital: Female Inguinal Hernia Causes: Surprising Facts. Abgerufen unter: https://int.livhospital.com/female-inguinal-hernia-causes-surprising-facts/
- Cleveland Clinic: Incisional Hernia. Abgerufen unter: https://my.clevelandclinic.org/health/diseases/incisional-hernia
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.