Für Hebammen, Physiotherapeutinnen und Mütter, die evidenzbasierte Antworten suchen

Die Bauchdecke einer Frau verändert sich während der Schwangerschaft grundlegend. Eine der häufigsten – und oft unterschätzten – Folgen ist die Rektusdiastase (Diastasis Recti Abdominis, DRA): die Ausweitung des Abstands zwischen den geraden Bauchmuskeln entlang der Linea alba. Doch welche Behandlungsansätze sind tatsächlich wirksam? Eine große Netzwerk-Metaanalyse liefert nun erstmals einen systematischen Vergleich zahlreicher Therapieformen.

Was ist eine Rektusdiastase?

Während der Schwangerschaft dehnen sich die Bauchmuskeln durch das wachsende Kind aus. Die Linea alba – das Bindegewebe in der Körpermitte – weitet sich, und die geraden Bauchmuskeln weichen auseinander. Von einer Rektusdiastase spricht man ab einem Inter-Rekti-Abstand (IRD) von mehr als 2,2 cm (gemessen 3 cm oberhalb des Bauchnabels) bzw. 2,7 cm auf Nabelhöhe.

Die Zahlen sind beeindruckend: Rund 70 % der Frauen im späten dritten Trimester sind betroffen, 60 % noch sechs Wochen nach der Geburt und rund 30 % ein Jahr später. Folgen können Rückenschmerzen, Beckenbodenschwäche, verminderte Rumpfstabilität und in schweren Fällen Hernien sein (Bigdeli et al., 2025).

Die umfassendste Vergleichsstudie bislang

Eine 2025 in *Scientific Reports* veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Netzwerk-Metaanalyse von Bigdeli, Yalfani, Doosti-Irani & Qodrati hat erstmals 27 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) mit insgesamt 1.340 Frauen und 39 verschiedenen Interventionen miteinander verglichen – ein bisher einzigartiger Ansatz in der DRA-Forschung.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick

Kombinierte Übungen sind am wirksamsten

Die Analyse zeigt eindeutig: Programme, die sowohl die tiefe als auch die oberflächliche Bauchmuskulatur ansprechen, erzielen die größten Reduktionen des Inter-Rekti-Abstands. Die vier wirksamsten Ansätze waren:

Traditionelles Bauchmuskeltraining + Kinesiologisches Tape (TCMEB + KT): Mittlere Differenz (MD) = –26,25 mm (SUCRA = 0,96)

Bauchmuskeltraining + Beckenbodentraining + Neuromuskuläre Elektrostimulation (TCME + BPFM + NMES):** MD = –25,94 mm (SUCRA = 0,95)

Kombiniertes tiefes und oberflächliches Training mit Elektrostimulation (NMES + TCME + MMT):** MD = –24,62 mm (SUCRA = 0,92)

NMES + traditionelles Bauchmuskeltraining:** MD = –22,62 mm (SUCRA = 0,88)

Was weniger wirksam ist

Passive oder isolierte Maßnahmen schnitten deutlich schlechter ab:

Kinesiologisches Tape allein: MD = –3,93 mm (SUCRA = 0,18)

Bauchbinden: MD = –10,32 mm (SUCRA = 0,52)

Statische und dynamische Plank-Übungen allein: minimale bis keine klinisch relevante Wirkung

Einige Übungsformen – darunter isoliertes Curl-up-Training und bestimmte Beinhebeübungen – zeigten sogar eine Tendenz zur Verschlechterung des IRD.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Ergebnisse sind klar: Komplexe, auf mehrere Muskelgruppen abzielende Trainingsprogramme – insbesondere solche, die die tiefe Bauchmuskulatur (M. transversus abdominis), den Beckenboden und die Atemmuskulatur einbeziehen – sind passiven Einzelmaßnahmen deutlich überlegen.

Für Therapeut:innen bedeutet das: Bauchbinden oder Kinesiologisches Tape können als ergänzende Maßnahme sinnvoll sein, ersetzen aber kein gezieltes Übungsprogramm. Reine Plank-Übungen oder isolierte Crunches sind nicht ausreichend – und können sogar kontraproduktiv sein. Hier muss erst die Aktivierung der Körpermitte gegeben sein, bevor diese effektiv eingesetzt werden können.

Einschränkungen der Studie

Die Autorinnen und Autoren der Studie weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Evidenzqualität je nach Vergleich zwischen niedrig und hoch variiert. Viele Einzelvergleiche basieren noch auf zu wenigen Studien. Weitere gut konzipierte RCTs sind notwendig, um die Befunde zu festigen. Deshalb kommt es bisher auch noch viel auf Erfahrungswerte drauf an.

Fazit

Die aktuelle Forschung zeigt: Die Behandlung der Rektusdiastase ist kein „eine Übung für alles“-Problem. Wer nachhaltig helfen möchte – sich selbst oder anderen –, sollte auf evidenzbasierte, multimodale Programme setzen, die tief und oberflächlich, aktiv und bewusst trainieren. Die Kombination aus Atemarbeit, tiefem Core-Training und – wo sinnvoll – unterstützender Elektrotherapie scheint derzeit der vielversprechendste Weg zu sein.

Wenn du auch gerne an deiner Rektusdiastase arbeiten willst, dann kannst du direkt einen Assessmenttermin vereinbaren. Ich freu mich auf dich!

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*Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle physiotherapeutische Beratung.*

Quelle: Bigdeli N, Yalfani A, Doosti-Irani A, Qodrati A. *An evidence-based comparison of rehabilitation strategies for diastasis recti abdominis in postpartum women: a systematic review and network meta-analysis.* Scientific Reports. 2025;15:39591. https://doi.org/10.1038/s41598-025-22574-2